Mir ist natürlich klar, dass die Pointe nicht gleich am Anfang, im ersten Satz, dargelegt wird. Und hier kommt ein von mir ungeliebtes „aber“, also… aber manchmal frage ich mich wirklich, ob jenen Personen, welche sich „ein bisschen Hausverstand“ bei ihren MitarbeiterInnen oder von einem Gegenüber wünschen, klar ist, wie gefährlich dieser Wunsch wirklich ist? Ich kann es mir wohl selbst beantworten. Es ist wahrscheinlich eher unklar…  oder erfolgreich von der Werbung suggeriert, dass es so etwas wie den Hausverstand wirklich gibt. Sportlich wirkender Mann, beiger Anzug, weißer Rolli, kurzes, welliges Haar, braune Augen, mittleres Alter, so um die 40?, mittlere Stimmlage, mittlere Größe (zumindest was halt in der Werbung an Größenschätzung so rüberkommen kann). Adrett, mit treuherzigem Blick ausgestattet, vertrauenerweckend – gut ausgewählt. Wer hätte ihn nicht gern an seiner Seite? Und er spricht sogar! Und der soll gefährlich sein? Na, echt jetzt, das gibt es wohl eher nicht… Und vielleicht bin ich nicht die Einzige, die diese „ach hätten wir doch etwas mehr Hausverstand bei unseren MitarbeiterInnen…, beim Chef…, bei XY“-Aussage nicht erst gestern und in den vergangenen Jahrzehnten (leider, leider…) immer wieder gehört hat… Sie spukt schon jahrzehntelang in den Hirnen diversester Menschen herum. Schockierender Weise sogar bei jenen, die Ausbildungsbedingt zumindest in Spuren Bekanntschaft mit der Neurobiologie gemacht haben. Und dieser „Hausverstand-Wunsch“ verlässt auch noch die Münder… und wird gefordert… brrrrrr, es läuft mir eiskalt den Rücken runter…

Gestatten, den kennen wir doch…

Es ist wohl höchste Zeit, mit diesem Mythos aufzuräumen! Und Achtung, hier ab diesem Absatz hast Du noch Zeit und die Möglichkeit, zu stoppen und nicht weiterzulesen. Es ist sozusagen der „Gefahrenhinweis auf die Nebenwirkungen“, die „Entzauberung“… Nun gut, ein wenig Verzweiflung sei mir gestattet. Aber jetzt weiter zur Aufklärung. Ich verfasse dazu jetzt die kürzeste Zusammenfassung für einen komplexen neurobiologischen Prozess. Das erfordert ein wenig Mitdenken und Aufmerksamkeit. Also.

Der Reiz klopft an… oder auch nicht?

Stell dir vor, du hast eine bequeme Position eingenommen. Du liest hier im Moment diese Worte. Sie werden durch eines deiner Sinnesorgane „aufgenommen“, in diesem Fall also durch den Sehsinn – durch deine Augen. Die Impulse, die jetzt von „außen“, vom Bildschirm kommen, sind Lichtsignale, im für uns wahrnehmbaren Frequenzbereich des Lichtes. Wir nehmen nun zur besseren Anschaulichkeit ein grünes Lichtsignal. Es trifft im Augapfel auf, wird durch den optischen Apparat „gebrochen“ und auf den Kopf gestellt, geht dann weiter zur Netzhaut und „reizt“ die sich dort befindlichen lichtempfindlichen Rezeptoren (Stäbchen und Zapfen)… Von dort muss unser grünes Lichtsignal dann „irgendwie“ weiter, um auf den Sehnerv zu gelangen. Das ist ein spannender Vorgang, denn hier wird durch die Reizung des Sensors (Stäbchen oder Zapfen, einer für schwarz/weiß, der andere für Farbe zuständig) ein Signal ausgelöst, dass dazu führt, das dieses Lichtsignal weitergeleitet wird. Und das, was weitergeleitet wird, ist ein bioelektrisches, biochemisches Signal, und nicht mehr der grüne Farbimpuls. Die zwei Vorgänge werden als a) Transduktion (einfach übersetzt als „Hindurchgehung“) und b) als Transformation („Umwandlung“) bezeichnet. Und dieses bioelektrisch-biochemische Signal springt dann sozusagen am Sehnerv entlang und nimmt Bezug auf zu den in den Nervenzellnetzwerken zuvor abgespeicherten, aus Lernerfahrungen gespeisten Erinnerungen. Und wird dann im Hinterhauptslappen des Gehirns auf der Großhirnrinde im Sehrindenfeld, gemeinsam bestehend aus den besagten Erinnerungen, zu einem Bild. Ich sehe also „nicht wirklich“, sondern nur das „Bild von dem da draußen in mir“. Und auf dieser Ebene ist alles ohne Sprache vonstatten gegangen – denn unser grüner Lichtreiz klopft ja nicht an und sagt: „Grüß Gott, ich bin der grüne Lichtreiz, darf ich eintreten?“. Was hat das jetzt mit der Gefährlichkeit des Hausverstandes zu tun? Geduld, ein paar kleinere Ausführungen braucht es noch. So wie wir hier den Sehsinn und die Reizverarbeitung beschrieben haben, läuft es in allen anderen Sinneskanälen ähnlich ab:

  • Der äußere Reiz trifft am Sensor auf,
  • wird in ein bioelektrisch-biochemisches Signal umgewandelt,
  • überwindet dabei einige Schaltstellen und
  • wird im Gehirn im entsprechenden Großhirnrindenareal, unter Zuhilfenahme von gespeicherten Erinnerungen aus den unterschiedlichsten anderen Hirnarealen,
  • zur inneren Abbildung, oder innerem Ton, einem inneren Gefühl, einem Geruch oder Geschmack.

Dies baut alles auf Lernerfahrungen auf, die der Mensch im Lauf seiner Entwicklung, im Mutterleib schon beginnend, macht. Und da so ein Menschlein, wenn es auf die Welt kommt, noch nicht sein „Pinkerl“ packt und sich fix und fertig ausgebildet in sein eigenes Leben begibt… kommt nun der gefährliche Teil – der mit dem Hausverstand.

Wir nähern uns der wirklichen Gefahr

Das Menschlein ist in ein soziales System, in seine Kultur, in seinen Ort, in die Werte, Glaubenssätze, Wünsche, Erwartungen… eingebettet. Und im Heranwachsen hat dieses Menschlein keine Chance, diesem zu entgehen, da es vollkommen abhängig ist. Und so lernt dieses Menschlein all das, was es aus seinem Umfeld an „gut“, „schlecht“, „erlaubt/nicht-erlaubt“…. usw. zu lernen gibt. Und auf Basis dieser Lernerfahrungen bildet sich auch die Sprache und damit die Bedeutungsgebung, die dieses Menschlein Ereignissen, Erlebnissen beimisst. Auf all diesen Überzeugungen, die durch Beobachtung und Lernen erworben das „Wissen“ (impliziter und expliziter Natur) einer Person bilden, und die durch Sprache zusammengefasst wird, baut die innere Repräsentation der Welt jedes Einzelnen auf. Und genau hier liegt die Crux mit dem Hausverstand. Es gibt aufgrund der

  • völlig individuellen Lernerfahrungen,
  • die sich auf das soziale Umfeld,
  • den Rang innerhalb der Familie,
  • der an sich gestellten Erwartungen, Werthaltungen,
  • der individuellen Ausbildung der Sinnesorgane und Lernerfahrungen… gründen,

keine einzige, idente Übereinstimmungen von inneren Repräsentationen und „Abbildungen“ der Welt bei zwei Personen. (Und auch keine einzige bei den restlichen 7,8 Milliarden Menschen, die meiner gleicht) Und damit verbunden auch keine eineindeutige, gleichartige Bedeutungsgebung durch die Sprache, da diese auch nur eine Zusammenfassung individueller Verarbeitungs- und Bedeutungsgebungsprozesse, ein Hilfsmittel zur Beschreibung komplexer Vorgänge, ist.

20 HAUSVERSTÄNDE!!!!!!

Es ist also höchstwahrscheinlich nachvollziehbar, auch wenn das hier nur die kürzeste Kurzbeschreibung des Wahrnehmungsprozesses ist, dass es demnach mindestens, bei z.B. 20 MitarbeiterInnen in einem Unternehmen, auch mindestens 20 Hausverstände gibt. Und somit auch mindestens 20 verschiedene Weltsichten, die ein Ereignis mindestens 20-mal unterschiedlich bewerten… wenngleich wir uns in unserem Kulturverständnis und in der Sprache zumindest einigermaßen auf ein ähnliches Verständnis in Bezug auf Erlaubtes, Nicht-Erlaubtes, Erwünschtes, Nicht-Erwünschtes… geeinigt haben. Moral, Ethik und Co. lasse ich hier an dieser Stelle bitte außen vor. Und die Sprache tut ihr eigenes dazu. Sie kann gar nie imstande sein, die vielfach unbenennbaren inneren Prozesse, die auch noch zu einem großen Teil unbewusst ablaufen, so nachvollziehbar zu beschreiben,  da keine zwei Menschen gleichartige Erfahrungen mit gleichartiger, innerer Verarbeitung, gleichartiger Bedeutungsgebung und Sprache haben können. Wer also noch immer glaubt, mit dem Hausverstand die beste Wahl getroffen zu haben, erliegt einem fatalen Irrtum. Vielmehr halten wir damit die Illusion einer „EINER für ALLE MENSCHEN GLEICHARTIG WAHRNEHMBAREN WELT“ aufrecht. (Und ich gehe in meiner Beschreibung jetzt NICHT vom radikalen Konstruktivismus aus…) Wenn jemand vom „Hausverstand“ spricht, dann meint er oder sie vielleicht, unser durch unsere Kultur verinnerlichtes Wissen darum, was übergeordnet erlaubt, erwünscht oder eben nicht erlaubt oder erwünscht ist. Wenn es jedoch um den Abgleich von Wahrnehmungen einer Situation geht, bei der jemand davon ausgeht, dass die andere Person das GLEICHE antizipiert oder wahrnimmt, dann kann es nur ein einziges Vorgehen geben, um hier zu einem halbwegs ähnlichem Abgleich zu kommen. Und dieses Vorgehen hat wiederum mit Sprache zu tun.

Knifflige Frage

Verbunden ist es hier mit einer Frage. Wie genau komme ich bei dir auf deine innere Abbildung der Welt, in deinem Gehirn, ohne Gehirnoperation? Jetzt wird es knifflig. Denn die einzige Möglichkeit des Abgleichs ist eine FRAGE. Natürlich, eh klar, logisch, oder? Ein Beispiel. Ein Vorgesetzter, ein Elternteil, ein Gegenüber… gibt die Anweisung, dass die Arbeit „ordentlich und sauber“ zu erfolgen hat. Und das natürlich „immer zur gleichen Zeit“. Das hat er oder sie „zumindest mehrmals gesagt“. Jetzt stellen wir uns vor, wie wir diese Anweisung umsetzen… können. Picken wir uns nur mal „ordentlich und sauber“ heraus. Denn, wir wissen NICHTS darüber, wie die Äußerung „ordentlich und sauber“ auf der inneren Repräsentation des Vorgesetzten… aussieht, wir wissen nichts darüber, welche Erwartungshaltung, Werte oder Kriterien zur Erfüllung zu erbringen sind, null, niente – ABER – es ist doch selbstverständlich, dass „sauber und ordentlich“ gearbeitet wird… das sagt einem ja…genau, der Hausverstand… An dieser Stelle müsste das Nachfragen erlaubt sein, doch das ist ein eigenes Kapitel, welches sich um Machtprozesse handelt. Wenn wir also Nachfragen dürften, könnten wir die zugrundeliegenden Kriterien für „ordentlich und sauber“  herausfinden und könnten entsprechend dessen handeln. Eine mögliche Frage wäre z.B. „was sind die Kriterien für ordentlich“?

Unerhörte Antwort(en)

Als Antwort würde vielleicht kommen „die Arbeitsmittel XY stehen am Ende der Schicht an ihren Plätzen, der Boden ist besenrein, es liegt keine Sägespäne XY herum, die Türen sind abgesperrt und die Müllsäcke sind entleert.“ Ähnlich verhält es sich mit „sauber“. Wie dieses Wort, eigentlich diese Worthülse, intern in der Wunschvorstellung des Gegenübers abgebildet ist, wissen wir wiederum nicht. Erfüllt jemand dann diese oftmals nicht geäußerte Wunschvorstellung oder Erwartung nicht, ist Feuer am Dach, denn das hätte er oder sie ja wissen müssen… doch „sauber“ könnte bedeuten, dass jemanden die Fingerabdrücke am Niro-Dunstabzug oder an den Türen nicht auffallen, dass die Fugen der weißen Fliesen im Eingangsbereich, am Kundenempfang schon schwarz sind… usw. da es für diese Person sauber genug ist, wenn kein Kaugummipapierl am Boden liegt. Er oder sie verlässt sich auf den eigenen Hausverstand… Genau, und genau deshalb gibt es ja so wenig an Missverständnissen und unterschiedlichen Auslegungen einer Begebenheit… Und deshalb wünscht man sich vielleicht auch noch einen weiteren Hausverstand, der so einfach, treuherzig blickend suggeriert, er wäre uns allen eigen. Wobei, neuerdings wurde er ausgetauscht, wenn das mal kein Zeichen ist… Zu guter Letzt, hier könnte ich noch unzählige weitere Erklärungen anfügen, doch für die habt ihr ja die Möglichkeit, ins Seminar zu kommen, oder ein Coaching zu buchen…

Wunsch und Wirklichkeit

Ich warne nur eindringlich vorm „Hausverstand“. Allein aus neurobiologischer Sicht, kombiniert mit einem Schuss Wissen um sprachliche Prozesse und Bedeutungsgebung, wird klar, dass es sich bei der Forderung um „den Hausverstand einschalten“ wirklich um gefährliches, der heutigen Zeit und dem Wissenstand nicht mehr angemessenen Führungs-und Menschensicht-Antiquariat handelt. Viel besser wäre es, Erwartungen so sensorisch nachvollziehbar auszusprechen oder nachfragen zu dürfen, dass ein annähernd gleiches Verständnis entstehen kann. Das wäre dann weitgehendst frei von Friktionen, da dem die persönliche und innere Einstellung eines Einverständnisses vorausgeht, anzuerkennen, dass ein andere Mensch, eine andere Person das Recht hat, die Welt so zu sehen, wie sie sie sieht und die Welt so richtig ist, wie sie sie sieht. Da müsste es kein Streiten darum geben, wie etwas WIRKLICH ist. Wir würden erkennen, dass es einfach einen Abgleich der Abbildungen braucht, um einem Verständnis näherzukommen. Nun, vielleicht reagiert Ihr in Zukunft auch etwas allergisch auf den „Hausverstand“ und es elektrisiert Euch, wenn Ihr wieder mal einem Missverständnis auf die Spur kommt, bei dem der Hausverstand von X am Werk war, oder ihr mit einem Schadensfall konfrontiert seid, der vom „gutgedachten“ Hausverstand von Y ausgelöst wurde… schlimmstenfalls und keinem zu wünschen!!!! Also, lassen wir den Hausverstand in Zukunft außen vor. Wünschen wir uns was Besseres. Tun wir was anderes. Kümmern wir uns lieber um das Schaffen eines friedlichen, angstfreien Klimas, in dem Menschen fragen dürfen und Lernen erlaubt ist. Und vielleicht gelingt es auch, bei den unterschiedlichen Weltsichten ruhig und gelassen zu bleiben. Um des lieben Wunsches einer einheitlichen Weltsicht wegen.

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